Der Sabbat als Ruhetag

Warum der Sabbat ein Geschenk ist

Jüdische Anregungen zur Sabbatheiligung

Hinweis: Teil 2 dieser Ausarbeitung lautet "Biblische Anregungen zur Sabbatheiligung". Er ist über den folgenden Link erreichbar: ZUM TEIL 2: "BIBLISCHE ANREGUNGEN ZUR SABBATHEILIGUNG"

Einleitung 

"Ein Gleichnis. Es verhält sich wie mit einem König, der eine einzige Tochter hatte. Ein anderer König kam und nahm sie zur Frau, und er wollte in sein eigenes Land ziehen und sie mit sich nehmen. Der König sagte: Meine Tochter, die ich dir gegeben habe, ist meine einzige Tochter. Ich kann mich nicht von ihr trennen, noch kann ich dir sagen: Nimm sie nicht, denn sie ist deine Frau. Aber erweise mir folgende Freundlichkeit. Wo ihr hingeht, da bereitet ein Zimmer für mich, damit ich bei euch wohnen kann, denn ich kann meine Tochter nicht gehen lassen. In gleicher Weise sagt der Heilige, gesegnet sei er, zu Israel: Ich habe dir das Gesetz gegeben, aber ich kann mich nicht von ihm trennen, noch kann ich dir sagen: Nimm es nicht. Aber wo immer du hingehst, mache mir ein Haus, in dem ich wohnen kann, wie gesagt ist: Sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich unter ihnen wohne."1

Die Rabbis glaubten, dass das Gesetz Gottes höchste Gabe an die Welt war. Der Sabbat, als Teil dieses Gesetzes, war in ihren Augen ebenfalls eine der größten Geschenke Gottes und sogar ein

Vorgeschmack der Ewigkeit.

I. Die jüdische Einstellung zum Sabbat

1. Zur Zeit Jesu und in den ersten Jahrhunderten danach

Der Sabbat hat eine lange Geschichte durch das AT hindurch, die Zeit zwischen den

Testamenten, die rabbinische Zeit bis hin zur Gegenwart. Heute werfen wir einen kurzen Blick auf die Einstellung der Juden ab der Zeit Jesu zum Sabbat. Wir beschäftigen uns etwas mit biblischen Prinzipien der Sabbatheiligung und fragen nach der Anwendung für unsere heutige Situation. Schon in der Zeit zwischen den Testamenten wurde über Sabbatheiligung nachgedacht. Beispielsweise diskutierte man die Frage, ob man sich in einem Krieg am Sabbat verteidigen dürfe oder nicht. Da die Feinde die Sabbatruhe der Juden ausnützten und sie am Sabbat abschlachteten, weil sie sich nicht verteidigten, änderte man die Haltung und ließ einen Defensivkrieg am Sabbat zu.

  1. Sabbatheiligung 

Die Rabbis hielten den Sabbat für so bedeutsam, dass sie meinten, ein Zaun müsse um dieses

Gebot gezogen werden, um es zu schützen. Deshalb waren am Sabbat 39 Hauptarbeiten verboten. Angeblich waren es die Arbeiten, die bei der Herstellung der Stiftshütte nötig waren. Sie zerfielen wiederum in viele Unterarbeiten. Dazu kam ein noch größere Anzahl anderweitiger Arbeiten.2 Schauen wir uns einige dieser Vorschriften an! Etliche mögen uns seltsam, kasuistisch und pharisäisch vorkommen. Den Juden aber war es damit ernst. Wenn wir daher beim Hören der Vorschriften auf "Pharisäer" verächtlich herabschauen, werden wir selbst zu Pharisäern.

(1) Arbeiten

  1. "... man darf nicht auf einen Baum steigen, nicht auf einem Tier reiten, nicht auf dem Wasser schwimmen, nicht in die Hände klatschen, nicht auf die Hüfte schlagen, nicht tanzen ..." usw.3

  2. "Man fülle kein Wasser ein und setze es am Sabbat vor das Tier hin; wohl aber darf man einfüllen und ausgießen, so dass das Tier von selbst trinkt."4

  3. "Rabbi Meir sagte: Wegen eines Knotens, den man mit einer Hand auflösen kann, macht man sich nicht schuldig ... Als allgemeine Regel hat Rabbi Jehuda ausgesprochen: Wegen eines Knotens, der nicht dauernd bleibt, macht man sich nicht schuldig."5

  4. Im Allgemeinen galt der Grundsatz, dass man am Sabbat alles das am Leibe tragen dürfe, was zur Bekleidung und zum Schmuck diente. Allerdings waren an sich erlaubte Kleidungsstücke doch ausgenommen, wenn es beispielsweise darum ging, einen Knoten zu machen.6

  1. "Wer zwei Buchstaben schreibt, sei es mit der rechten oder der linken Hand, seien es die gleichen oder unterschiedliche Buchstaben, sei es mit verschiedener Tinte oder in irgendeiner Sprache, der ist schuldig."7
    "Schreibt ein Mann mit Flüssigkeiten oder Fruchtsaft oder mit dem Staub der Straße oder mit dem Sand eines Schreibers oder mit etwas, was kein bleibendes Merkmal hinterlässt, dann ist er unschuldig."8

  2. "Wenn (am Sabbat) eine Gazelle in ein Haus springt, und ein Mann schließt sie ein, so ist er schuldig. Schließen sie jedoch zwei ein, sind sie nicht schuldig. Wenn einer allein nicht in der Lage war, sie einzuschließen, und (deshalb) zwei sie einschlossen, so sind sie beide schuldig. Aber Rabbi Simeon erklärt sie unschuldig."9

  3. Beim Ausbruch von Feuer am Sabbat dürfen so viele Mahlzeiten gerettet werden, wie viele am Sabbat noch zu verzehren sind, maximal drei.10 Kleidung zieht man an und holt sie so aus dem brennenden Haus.11

  4. "Zündet ein Heide eine Lampe an, darf der Israelit vom Licht Gebrauch machen. Das ist allerdings verboten, wenn der Heide sie für den Israeliten anzündete."12

  5. "Man darf (an einem Sabbat) nicht aus einem Einzelbereich in einen öffentlichen Bereich hinaus tragen, auch nicht aus einem öffentlichen Bereich in einen Einzelbereich hineinschaffen ... Wer Wein hinausträgt soviel zur Mischung eines Bechers genügt, Milch soviel wie zu einem Schluck genügt, Honig soviel wie genügt, um es auf eine Wunde zu legen, Öl soviel zum Salben eines kleinen Gliedes genügt, Wasser soviel zum Einreiben der Augensalbe genügt ..., (der macht sich schuldig) ... Wer ein Brot (aus einem Einzelbereich) in einen öffentlichen Bereich trägt, ist schuldig; schaffen es zwei hinein, so sind sie straffrei. Vermag es aber einer (allein) nicht zu hinauszuschaffen und schaffen es zwei hinaus, so sind sie schuldig ... Wenn jemand Speisen hinausträgt und sie auf der Schwelle niedersetzt, so ist er, ob er sie hinterher (völlig) hinausträgt, oder ob sie ein anderer hinausträgt, straffrei, weil er die Arbeit nicht auf einmal ausgeführt hat ... Wenn jemand mit seiner rechten oder mit seiner linken Hand, in seinem Busen oder auf seiner Schulter hinausträgt, ist schuldig ... Wer aber etwas hinausträgt auf der Rückseite seiner Hand, mit seinem Fuß, in seinem Munde oder mit seinem Ellenbogen, an seinem Ohr oder in seinem Haar oder in seiner Geldkatze (die wie ein Gurt umgebunden wurde) oder mit der Öffnung nach unten, zwischen seiner Geldkatze und seinem Hemde oder im Saum seines Hemdes, an seinem Schuh, in seiner Sandale: der ist straffrei; weil er nicht hinausträgt, wie man gewöhnlich hinausträgt.13

(2) Entfernungen

  1. Von seinem Sabbatsitz aus durfte man am Sabbat nach allen Seiten 2000 Ellen gehen. Brach am Freitag die Dunkelheit herein, so konnte man beispielsweise bestimmen, dass ein 2000 Ellen entfernter Baum der Sabbatsitz sein sollte. Von diesem Sabbatsitz aus konnte man wiederum 2000 Ellen gehen und kam damit auf 4000 Ellen. Nur innerhalb des Sabbatsitzes von 4 Ellen durften Gegenstände bewegt werden. Reichten die 4 Ellen einer Person in die 4 Ellen einer anderen Personen, so durfte ein Gegenstand dem anderen übergeben werden, der ihn dann ebenfalls 4 Ellen weit wegbewegen durfte. Da dieser Fall seltener eintrat, half man sich auch so, dass man den Gegenstand immer etwas weniger als 4 Ellen weit trug und dann niedersetzte. Das wiederholte man, bis der ganze Sabbatweg von 2000 Ellen zurückgelegt war.14

  2. Mit der Lehre vom Sabbatsitz (Vermischung der Grenzen) konnte man sich auch helfen, die Entfernungen zu vergrößeren. Wohnte man in einer Stadt, wurde der normale Sabbatweg von 2000 Ellen erst ab dem Verlassen der Stadt gerechnet. Legte man am Freitag im Umkreis von 2000 Ellen zwei Mahlzeiten nieder, so wurde dieser Ort zu einem zweiten Sabbatsitz, von dem man wiederum 2000 Ellen gehen durfte.15

(3) Kleidung 

  1. "Und du ehrst ihn - Deine Schabbatkleidung sei nicht wie deine Werktagskleidung ... Dass du deine Wege nicht tust - Dein Schabbatgang sei nicht wie dein Werktagsgang ..."16

(4) Kranke

  1. "... Man wärmt am Schabbat Wasser für einen Kranken, sei es, um ihn trinken zu lassen, sei es, um ihn zu erfrischen ... Unsere Meister lehrten: Man sei am Schabbat um Lebensrettung besorgt, und zwar je eifriger, siehe, desto lobenswerter ist es ..." 17

  2. "Wenn ein Priester sich den Finger beschädigt, so darf er ihn im Heiligtum mit Bast umwickeln, aber nicht außerhalb."18

  3. "Verschlucktes darf man man Sabbat herausholen ..."19

  4. "Man darf am Sabbat keinen griechischen Ysop essen, weil es keine Speise der Gesunden ist; dagegen darf man Wasserminze essen und Hirtenrohr trinken (weil diese auch von Gesunden genossen werden). ... alle Getränke darf man trinken, ausgenommen Palmenwasser und den Becher der Unfruchtbarkeit, weil diese (Heilmittel) gegen die Gelbsucht sind; wohl aber darf man Palmenwasser gegen den Durst trinken und sich mit Wurzelöl salben, weil es nicht zur Heilung dient ... Wer Zahnschmerzen hat, darf dagegen (am Sabbat) keinen Essig einschlürfen, aber er kann, wie es gewöhnlich geschieht, etwas in Essig eintauchen, und wenn er so geheilt wird, dann wird er geheilt. Wer Lendenschmerzen hat, darf sich nicht mit Wein und Essig salben, wohl aber mit Öl (dem üblichen Salbungsmittel) ... Wer Schmerzen in seinem Halse hat, darf nicht mit Öl gurgeln, wohl aber darf er reichlich Öl in Fischbrühe tun, die mit Wein und Salz vermischt ist, und es herunterschlucken." 20

  5. "Man tröstet nicht Trauernde und man besucht nicht Kranke am Sabbat; das sind Worte der Schule Schammais; die Schule Hillel erlaubte es ... Man betet für einen Kranken am Sabbat nicht. Die Schule Hillel hat es erlaubt. "21

  1. "Ist eines Mannes Hand oder Fuß ausgerenkt, darf er kein kaltes Wasser darüber gießen, aber er darf Hand oder Fuß in normaler Weise waschen, und wenn er (dann) geheilt ist, ist er geheilt."22

(5) Essen und Trinken

  1. "Rabbi Chijja b. Abba (um 280) hat gesagt: Du heiligst den Sabbat durch Essen und Trinken und reines Gewand und bereitest dir selbst (dadurch) Genuss, und ich gebe dir (noch obendrein) Lohn dafür ..."23

  2. "Am Vorabend des Sabbats soll man vom Nachmittag an und weiter nichts essen, damit man mit Verlangen (nämlich nach Speise) in den Sabbat eintrete, das sind Worte des Rabbi Jehuda."24

  3. "Von Schammai dem Alten (um 30 v. Chr.) hat man erzählt: Sein Leben lang hat er zu Ehren des Sabbats gegessen; fand er ein schönes Stück Vieh, so sagte er: Dies für den Sabbat! Fand er ein andres schöneres, so stellte er das zweite für den Sabbat zurück und verzehrte das erste."25

  4. "Rabbah ben Rab Huna (gest. 322) kam (an einem Sabbat) in das Haus des Rabbah ben Rab Nachman (gest. 330). Man setzte ihm Kuchen aus drei Sea Mehl vor. Er sprach zu ihm: Habt ihr denn gewusst, dass ich kommen würde (dass ihr euch auf meinen Besuch mit Kuchen eingerichtet habt)? Man antwortete: Gibt es für uns einen Größeren als der Sabbat ist? (Den Sabbat zu ehren, haben wir den Kuchen bereitet."26 

  5. "Ein Ei betreffend, das an einem Festtag gelegt wurde, sagen die vom Lehrhause Schammais: Es darf gegessen werden, und sagen die vom Lehrhause Hillels: Es darf nicht gegessen werden ..."27

(6) Studium des Wortes Gottes

  1. In der Frage, ob der Sabbat nur zum Essen und Trinken oder nur zum Thorastudium da sei, wird geantwortet: "Weise den halben dem Thorastudium und den halben dem Essen und Trinken zu."28

    Wenn man das alles so hört, wird man von den Vorschriften förmlich erschlagen. Vielleicht wirken manche auf uns lächerlich. Man mag an die Heuchelei der Pharisäer zur Zeit Jesu denken, und staunen, wie ein Zusatzgebot durch ein anderes ausgehievt wird. Die Gesetze um den Sabbat herum wuchsen immer mehr, bis der Zaun um den Sabbat die Leute nicht mehr abhielt, den Sabbat zu übertreten, und bis der Sinn des Sabbats verloren gegangen war.

  2. Grundsätzliche Erwägungen

Wenn wir heute zurückschauen, ist es leicht, die Gesetzlichkeit der Rabbis zu verurteilen. Aber

damit wird man der Sache nicht ganz gerecht. Trotz ihrer Gesetzlichkeit waren die Rabbis geprägt von einer Liebe zu Gottes Gesetz und zum Sabbat, von der wir heute noch lernen können. Hören wir, was sie noch zum Thema Sabbat zu sagen haben. Manches mag falsch sein. In manchen Aussagen ist aber auch eine tiefe Wahrheit ausgedrückt. Und vergessen wir das Gleichnis am Anfang nicht, bei dem das Gesetz mit der Gegenwart Gottes verbunden ist.

  1. Die Wirkung, die vom Sabbat ausgeht 
    "Rabbi Chija, Abbas Sohn, sagte. Rabbi Jochanan habe gesagt: Jedem, der den Schabbat in rechter Weise beachtet, wird Vergebung zuteil, sogar, wenn er Götzendienst treibt wie Enos ..."29
    "Wenn Israel zwei Schabbate in rechter Weise beachten würde - sofort würde es erlöst ..."30

  1. Der Sabbat als Geschenk
    "... Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Mose: Ein kostbares Geschenk habe ich in meiner Schatzkammer und sein Name ist Schabbat, und ich möchte es Israel geben. Geh und lass sie es wissen ..."31

  2. Der Sabbat als Braut
    "... Rabbi Chanina sagte nämlich: Kommt, lasst uns doch hinausgehen, der Braut, der Königin entgegen! Und ander sagen dazu: - dem Schabbat, der Braut, der Königin entgegen! Rabbi Jannai umhüllte sich, blieb stehen und sagte: Komm Braut, komm Braut!"32

  3. Der Sabbat als Wonne
    "Rabbi Jochanan sagte im Namen Rabbi Joses: Jedem, der den Schabbat zu einer Wonne macht, geben sie ein Erbteil ohne Grenzen ... Womit macht er ihn zu einer Wonne? Raw Jehuda, Raw Schmuels Sohn, der Sohn Schelats, sagte im Namen Raws: Mit Gemüsespeise, prachtvollen Fischen und würziger Zukost ..."33

  4. Der Sabbat als Segen
    "Wer dem Schabbat leiht, dem zahlt's der Schabbat zurück."34

  1. Der Sabbat als Vorbote der Endzeit
    "Am Sabbat sangen sie 'Ein Psalm; ein Lied für den Sabbat - ein Psalm, ein Lied für die Zukunft, die da kommt, für den Tag, der ganz Sabbat, Ruhe ist, für das ewige Leben."35

  2. Der Sabbat als Gewürz
    "Der Kaiser sagte zu Rabbi Jehoschua, Chananjas Sohn: Warum hat die Schabbatspeise einen solchen Wohlgeruch? Er sagte zu ihm: Wir haben ein besonderes Gewürz, Schabbat mit Namen, das legen wir hinein; dann hat sie einen solchen Wohlgeruch. Er sagte zu ihm: Gib uns etwas davon! Er sagte zu ihm: Bei jedem, der den Schabbat beachtet, wirkt es; aber bei dem, der den Schabbat nicht beachtet, wirkt es nicht."36

 

Wir halten fest: Die Rabbis hatten eine hohe Meinung vom Gesetz. Der Sabbat war ihnen die wichtigste religiöse Einrichtung. Das Ziel der Rabbis war es nicht, das Sabbatgebot zu erschweren, sondern sogar zu erleichtern. Die Qumran-Sekte biespielsweise war strikter als die Rabbis. In ihrem Versuch, den Sabbat zu schützen, gingen sie allerdings so weit, dass er ganz und gar entstellt wurde. Jesus musste die Praxis der Sabbatheiligung korrigieren. Positive Elemente der Sabbatheiligung bei den Rabbinern waren: Der Sabbat war der Höhepunkt der Woche. Er war dazu da, Gäste einzuladen. Fasten und Klagen waren an diesem Festtag untersagt. Man trug Sabbatkleider. Eheliche Beziehungen waren erwünscht. Der Sabbat wurde am Freitagabend willkommen geheißen. Am Sabbatvormittag und -nachmittag - nach einer Zeit der Entspannung - versammelte man sich in der Synagoge. Wie zu Sabbatbeginn wurde zum Abschluss des Festtages das Horn geblasen. Erst nach einer gewissen Zeit, nachdem die Sonne schon untergegangen war, verabschiedete man sich vom Sabbat. Die meisten Juden begingen den Sabbat mit freudiger Erwartung.

 

2. In unserer Zeit

Die Reform-Juden des 19. Jahrhundert liebäugelten mit dem Sonntag, und tatsächlich wurden bis in unsere Zeit hinein in manchen Synagogen die Gottesdienste nicht mehr am Sabbat, sondern am Sonntag gehalten. Das hat sich in unserem Jahrhundert geändert. Heutzutage durchflutet die Freude am Sabbat das Judentum. Auch wenn im orthodoxen Judentum der Sabbat theologisch anders angegangen wird als im konservativen Lager, auch wenn die einen mehr Gottes Wille und Gesetz und die anderen mehr Verstand und Ethik, die existentielle Seite oder die Geschichte betonen, die Freude am Sabbat ist ihnen ein gemeinsames Gut. Samson Raphael Hirsch, ein deutscher Jude, hat schon im 19.Jahrhundert geschrieben: "Das Gefühl der Exstase, das einen Juden am Freitagabend erfüllt, wenn er nach einer Woche harter und ehrlicher Arbeit den Sabbat inmitten seiner Familie mit dem zu Gott erhoben Kelch willkommen heißt, - keine Lippen haben bisher Worte dafür gefunden."37

Das bedeutsamste jüdische Werk über den Sabbat legte 1951 Abraham Joshua Heschel der Öffentlichkeit vor. Hier sind einige Gedankensplitter Heschels38:

  • Der Sabbat ist ein Tempel in der Zeit mit einem Königreich für alle. Wichtiger als Raum und Materie ist Zeit. Raum steht unserem Willen zur Verfügung. Wir können ihn formen und die Dinge im Raum verändern, wenn wir wollen. Zeit aber liegt außerhalb unserer Reichweite und Macht. Sie gehört ausschließlich Gott. Jeder von uns nimmt einen Teil des Raumes ein. Er nimmt ihn allein ein. Der Teil des Raumes, den mein Körper einnimmt, wird von mir unter Ausschluss anderer eingenommen. Aber niemand besitzt Zeit. Es gibt keinen Augenblick, den ich alleine besitze. Dieser Augenblick gehört allen lebenden Menschen, wie er mir gehört. Wir teilen Zeit miteinander, wir besitzen Raum. Dadurch dass ich Besitzer des Raumes bin, bin ich Rivale aller anderen Wesen. Durch mein Leben in der Zeit, bin ich Zeitgenosse aller anderen Wesen.39

  • Die Herrlichkeit des Sabbats wird - ähnlich wie das Geheimnis Gottes - auf negative Weise beschrieben: Was man nicht tun soll. Die Verbote sind allerdings Lieder für die, die wissen, wie man in einem Palast bei einer Königin verweilt.40

  • Die Liebe zum Sabbat ist die Liebe des Menschen zu dem, was ihn mit Gott verbindet.41

  • Der Sabbat ist das wertvollste Geschenk, das die Menschheit aus dem Schatzhaus Gottes empfangen hat.42

  • Den Sabbat zu halten meint, die Krönung eines Tages im geistlichen Wunderland der Zeit zu feiern. Das ist die Luft, die wir einatmen, wenn wir den Sabbat Lust nennen.43

  • Der Sabbat ist der Tag, an dem wir die Kunst lernen, unsere Zivilisation zu überragen. Der Sabbat mit der Aufforderung nicht zu arbeiten, ist keine Abwertung, sondern eine Bestätigung der Arbeit, eine göttliche Erhöhung ihrer Würde.44

  • Der Sabbat ist eine Braut, und seine Feier ist wie eine Hochzeit.45

  • Sabbatheiligung ist mehr als eine Technik, um ein Gebot zu erfüllen. Der Sabbat ist die Gegenwart Gottes in der Welt, offen für die Seele des Menschen. Die Seele kann mit Liebe antworten. Sie kann in die Gemeinschaft mit dem geweihten Tag treten.46

  • Der Sabbat ist ein Beispiel für die zukünftige Welt. Das innere Wesen der zukünftigen Welt ist der ewige Sabbat, und der siebte Tag in der Zeit ist ein Beispiel für die Ewigkeit.47

  • Das Judentum versucht die Vision vom Leben als Wallfahrt zum siebten Tag zu stärken: die Sehnsucht nach dem Sabbat während aller Tage der Woche, was einer Art Sehnsucht nach dem ewigen Sabbat während aller Tage unseres Lebens entspricht. Es versucht das Begehren der Dinge im Raum durch ein Begehren der Dinge in der Zeit zu ersetzen, indem es den Menschen lehrt, den siebten Tag alle Tage der Woche hindurch zu begehren.48

Wir würden vielleicht manches anders formulieren, aber man muss zugestehen, dass aus diesen wenigen ausgewählten Sätzen ein tiefes Verständnis des Sabbats und vor allem eine tiefe Liebe zum Sabbat herausleuchtet. Und dabei geht es auch Heschel nicht nur um den Sabbat, sondern um die Gegenwart des Herrn des Sabbats. Ähnliches ist uns bewusst geworden, als wir uns mit der Theologie des Sabbats beschäftigt haben. Das muss auch der Ansatzpunkt sein für praktische Fragen der Sabbatheiligung. Festzuhalten bleibt: Sabbatheiligung ist die Antwort des Menschen auf das ihm in Gott geschenkte Heil.

Der Originalartikel wurde in 2 Abschnitte geteilt. Ursprünglicher Titel der Ausarbeitung lautet: Biblische und Jüdische Anregungen zur Sabbatheiligung. Thema II folgt: Biblische Prinzipien zur Sabbatheiligung. Der Artikel ist zu finden in "Der Sabbat als Ruhetag" -> "Sabbathalten praktisch"

ZUM TEIL 2: "BIBLISCHE ANREGUNGEN ZUR SABBATHEILIGUNG"

Autor: Ekkehardt Müller, Th.D., D.Min
Originaltitel: Biblische und jüdische Anregungen zur Sabbatheiligung; © Copyright Oktober 1994 All Rights Reserved

 

 
Quellen:

1Exodus Rabbah 33:1, zitiert von John C. Brunt, A Day for Healing. (Washington: Review and Herald Publishing Association, 1981), 12.

2Siehe, Hermann L Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrash. Erster Band: Das Evangelium nach Mattäus (München: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1978), 1:615-616.

3Ibid., 617.

4Ibid., 199.

5Ibid., 200.

6Siehe ibid., 457. 

7Mishnah Shabbath 12.3. 8Ibid., 12.5.

9Ibid.,13.6.

10Siehe ibid., 16,2.

11Siehe ibid., 16.4.

12Ibid., 16.8. 

13Strack-Billerbeck, 1:455-456, 458.

14Siehe ibid., 1:458-459.

16Babylonischer Talmud Schabbat 113a/113b.

17Babylonischer Talmud Joma 84b.

18Strack-Billerbeck, I:622.

19Ibid., I:625.

20Ibid, I:627.

21Strack-Billerbeck, I:630.

22Mishnah Shabbath 22.6.

23Strack-Billerbeck, I:611.

24Ibid., I:613 25Ibid., I:614.

26Ibid., I:202-203.

27Babylonischer Talmud Jom tow 2a .

28Strack-Billerbeck, I: 612.

29Babylonischer Talmud Schabbat 118b.

30Ibid.

31Babylonischer Talmud Schabbat 10b.

32Babylonischer Talmud Bawa kamma 32b.

33Babylonischer Talmud Schabbat 118a/118b.

34Ibid., 119a . 

35Mishna Tamid 7.4.

36Babylonischer Talmud Schabbat 119a. 

37Zitiert in Roy Branson “The Sabbath in Modern Jewish Theology”, in K. A. Strand (Hrsg.) The Sabbath in Scripture and History (Washington: Review and Herald Publishing Association, 1982), 269.

38Abraham Joshua Heschel, The Sabbath: Its Meaning for Modern Man (New York: The Noonday Press, Farrar, Straus and Giroux, 1989).

39Siehe Heschel. 21, 99.

40Siehe ibid., 15. 

41Siehe ibid., 16.

42Siehe ibid., 18.

43Siehe ibid., 18.

44Siehe ibid., 27-28.

45Siehe ibid., 54.

46Siehe Heschel., 60.

47Siehe, ibid., 73, 74.

48Siehe ibid., 90-91.

Literatur

Im Teil 2